Kulturstunde: Wie alles begann

Projektleiterin Sarah Chaksad erzählt von ihrer persönlichen Motivation dafür, das Projekt Kulturstunde in Basel zu lancieren




Während zehn Jahren war ich Klassenlehrerin für Schüler:innen von der ersten bis zur sechsten Klasse und Musiklehrerin an Real-, Sekundar- und Bezirksschulen. Die pädagogische Arbeit war für mich immer eine tolle Ergänzung zum Musik spielen auf der Bühne und machte mir riesig Freude!


Ich bin selber in einem musikalischen, kulturell interessierten Haushalt aufgewachsen. Ich war umgeben von Musik – von klassischer Musik, die meine Mutter spielte, die als Klavierlehrerin bei uns zuhause arbeitete. Von Schweizer Volksmusik, die meine Grosseltern in spontanen Stubeten spielten und sangen. Und von persischer Musik, die mir mein Vater näher brachten. Es lag also auf der Hand, dass ich ebenfalls früh ein Instrument spielen lernte, und dass meine Mutter mir als Berufsmusikerin ein grosses Vorbild war.

In den verschiedenen Schulen, in denen ich tätig war, gab es nur sehr wenige kulturelle Anlässe.

Vielleicht ging eine Klasse einmal ins Theater, oder es fand, ganz punktuell, ein Konzert in der Aula statt. Im Verlauf der Jahre wurde mir immer deutlicher bewusst, wie privilegiert ich selber gewesen war. Wäre ich selber Musikerin geworden, wenn ich nicht von all diesen Einflüssen und Eindrücken von zuhause hätte profitieren können? Dies beschäftigte mich immer mehr.


Gleichzeitig erlebte ich die Schule als einen Ort der vielen Möglichkeiten. Schliesslich gehen alle Kinder in die Schule!

Ich begann mich zu fragen: Wäre es nicht toll, wenn genau hier, in der Schule, Zugänge zu Kunst und Kultur geschaffen würden, so dass alle Kinder davon profitieren könnten?

Mir war und ist bewusst, dass es für viele Schulen – zum Teil schlichtweg aufgrund der geographischen Lage – nicht möglich ist, solche Zugänge zu ermöglichen. Oftmals ist der Aufwand für Lehrpersonen sehr hoch, nebst dem komplexen Schulalltag zusätzlich nach einem künstlerischen Angebot für ihre Schule zu recherchieren und entsprechende Anlässe zu organisieren. Dazu kommt, dass die Kulturbudgets der Schulen sehr knapp berechnet sind.


Eine mögliche Antwort auf meine vielen Fragen fand ich während einer Reise nach Norwegen. Ich spielte bei einem Projekt mit norwegischen und palästinensischen Musiker:innen mit. Das Ensemble hatte unter anderem einen Auftritt am Kammermusik Festival Trondheim – und gleichberechtigt auch ein Konzert an einer Schule. Das gehörte für alle Beteiligten einfach dazu.

Am Konzerttag bauten wir unser Equipment also in der Aula der Schule auf.

Etwa fünfhundert Kinder kamen herein und setzten sich, und wir machten etwa zwanzig Minuten Musik. Die Atmosphäre war wunderschön. Es erstaunte und berührte mich sehr, wie gut die Kinder zuhörten!

Danach stellten sie uns Fragen. Auch dies funktionierte problemlos, obwohl die Gruppe so gross war. Sie wollten wissen, woher wir kamen, wie unsere Instrumente hiessen, und hörten dabei uns und einander immer noch aufmerksam zu. Nach vierzig Minuten klingelte die Schulglocke und wir verabschiedeten uns.


In Norwegen sind jährliche Schulkonzerte im Bildungs- und Kulturgesetz vorgeschrieben. Jedes Kind erlebt im Verlauf seiner Schulzeit also ganz unterschiedliche Konzerte von professionellen Musiker:innen, die von regionalen Agenturen sorgfältig ausgesucht und auf ihre Auftritte vor diesem ungewöhnlichen Publikum gut vorbereitet werden. Meist touren die Bands und Ensembles dann mehrere Wochen durch die Schulen des Landes.

Als ich nach meiner Reise wieder nachhause kam, hatte ich das Gefühl, auf meine drängenden Fragen möglicherweise eine Antwort gefunden zu haben. Und als der Corona-Stillstand kam, beschloss ich, endlich aktiv zu werden. Im August 2020 fand bereits die erste Sitzung statt, und im Mai 2021 dann die erste Kulturstunde. Und im September 2021 starten die ersten beiden Pilotschulen.


Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass kulturelle Bildung für alle Kinder – für alle Menschen! – wichtig ist. Nicht deswegen, weil ich am liebsten alle zu Künstler:innen erziehen möchte. Sondern weil Menschen, die Kultur erleben und sich damit auseinandersetzen, viel Neues lernen. Die Fähigkeiten, Geschichten zu erfinden und zu erzählen, ein Instrument zu erlernen und sich in Selbstdisziplin zu üben, oder vorgefertigte Lösungen über Bord zu werfen, sind in jedem beruflichen Umfeld nützlich. Und tragen im privaten Umfeld zu einem Gemeinschaftsgefühl und zu Identitätsentwicklung bei.


Ich bin deshalb sehr glücklich darüber, dass das Projekt Kulturstunde nun in die Pilotphase starten kann! Ich bin gespannt auf die kommenden Jahre. Mein Team und ich stehen in den Startlöchern und sind bereit, alles zu geben. Für die Schulen, und für die Kinder!


Sarah Chaksad

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